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Sie will doch gar nicht viel…

Posted by TaTonka on Aug 5, 2008 in Allgemein

Sie hat das Rauchen angefangen. In einer Zeit, in der ihre Freunde damit aufhören. Dann sitzt sie auf den Holzstufen im Treppenhaus und schickt den Rauch durch das geöffnete Fenster zu den Häusern gegenüber. Die Sicht ist gut, denn sie wohnt immer ganz oben. Mag keine trampelnden Füße über sich. Umso mehr liebt sie die schrägen Wände – ihre Höhle, in die niemand hinein schauen kann. Wenn alles unsicher und schwierig scheint und die nackten Füße nicht ihren Weg unter der Bettdecke hervor auf den gelben Teppich finden wollen. Wenn das Telefonklingeln sie aus ihren unruhigen Träumen reißt.

Hei, was machst du grade, arbeitest du auch fleißig?
Ja, klar.
Wie kommst du voran?
Super, läuft alles.

Wenn sie mit jedem Tag weniger weiß, was sie eigentlich will. Im Leben. Was sie kann, wo sie hin gehört. Dann denkt sie an dieses kleine Haus am See. Keine Nachbarn, keine Autos, keine Gartenzäune. Nur Bäume, Wasser und ein hölzerner Steg. Keine Teambesprechungen, keine Kick-Off-Veranstaltungen, kein Telefon. Nur ein Laptop mit Internetanschluss, und wenn sie den Blick hebt, sieht sie die leichten Wellen.

Dabei ist sie doch ein richtiges Stadtkind. Braucht das Rattern der Straßenbahn, Supermärkte mit langen Öffnungszeiten und eilende Anzugträger. Aber da ist diese Leere - die sie ganz leise werden lässt und still. Obwohl sie doch schreien will und springen und rennen. Der leere Raum um sie herum, wo früher Freude und Freunde waren, ist nur noch ein endloser Sicherheitsabstand. Das leere Bett verhöhnt sie jede Nacht aufs Neue. Den Geruch des letzten Mannes kann sie schon nicht mehr wahrnehmen, so sehr sie ihr Gesicht auch in seinem Kissen versenkt. Warum hinterlassen Oberflächlichkeiten so tiefe Spuren in ihrer Seele?

Dabei will sie doch gar nicht viel. Keine Treuschwüre, keine Kinder, keine Eltern kennen lernen. Bloß ein bisschen Geborgenheit. Ein bisschen Wärme in ihrer Höhle und das Gefühl, nicht allein zu sein. Keine intellektuellen Gespräche, keine gemeinsamen Einkäufe, keine Fünfjahrespläne. Bloß Arme, die sie umschlingen, und Hände, die sie festhalten, wenn sie unterzugehen droht. Jemanden, dem sie den Rücken krault bis er einschläft, während die Regentropfen aufs Fenster trommeln.

Morgen früh wird sie diese Gedanken wieder mit aller Kraft beiseite schieben. Wird sich hübsch machen, zur Arbeit gehen, vorm neuen Kaffeeautomaten smalltalken, am Telefon immer freundlich bleiben, kreative Ideen zur neuen Kampagne beisteuern, sich später noch auf ein Feierabendbier verabreden. Und niemand wird diese traurige Sehnsucht in ihren Augen bemerken. Höchstens fragen: Seit wann rauchst du denn?

Gefunden in der Neon.

Irgendwie berührt mich der Text. Vielleicht weil es mir ein bisschen genau so geht.

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